Pronografie-Kompetenz – Nicht nur für Jugendliche ein Muss

Publiziert im Amorana-Magazin im Juli '22


Wenn es um den Pornografiekonsum von Jugendlichen geht, haben viele eine Meinung und

äussern sich gerne und ausführlich zu Risiken und Gefahren. Über den eigenen Konsum von Pornografie wird hingegen meist geschwiegen. Im folgenden Text möchte ich dir zeigen, wie ich als Sexualpädagoge mit Jugendlichen das Thema bespreche und was du davon mitnehmen kannst.


Zuallererst einmal ein paar Basics. Das Schweizerische Strafgesetzbuch verbietet Personen unter 16 Jahren nicht explizit das Konsumieren von Pornografie. Strafbar sind aber gemäss Artikel 197 Absatz 1 StGB unter anderem das Anbieten, Zeigen, Überlassen sowie Zugänglichmachen von pornografischen Inhalten an Personen unter 16 Jahren.


Je nach Studie findet der erste Kontakt mit Pornografie jedoch bereits deutlich früher statt. Ein eklatanter Unterschied wird hier zwischen Jungs und Mädchen konstatiert. Aus meiner Erfahrung mit Jungsgruppen, kann ich auf jeden Fall bestätigen, dass viele bereits mit 11 Jahren in irgendeiner Form in Berührung damit gekommen sind. Willentlich oder nicht. Dass das zu früh ist und pornografische Inhalte nicht für diese Altersgruppe gemacht sind, steht dabei ausser Frage. Fakt ist jedoch, dass der Zugang, egal für welches Alter, vor allem auf kostenlosen Streamingplattformen sehr einfach ist.


Auch der Lehrplan 21 sieht für die Oberstufe folgenden Kompetenzerwerb vor: “[Schüler*innen] können Verhaltensweisen und ihre Auswirkungen im Bereich Sexualität kritisch beurteilen. ​Risiken, Übergriffe, Missbrauch, Pornographie, Promiskuität, Prostitution.”


Ein sehr hilfreiches Modell für meine Arbeit kommt von Prof. Dr. Nicola Döring. Sie lehrt an der Universität Ilmenau Medienpsychologie und gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Mediennutzung von Jugendlichen, insbesondere von sexualisierten Inhalten. Anstatt das Thema unter den Tisch zu kehren, weil es ja verboten ist, schlägt sie das Modell der Pornografie-Kompetenz vor, welches ich hier grob umreissen möchte.


Das Modell stellt eine Weiterentwicklung von bewährten Medienbildungs-Konzepten dar. Das Modell bearbeitet fünf Komponenten in jeweils drei Ebenen, nämlich der Nutzungs-, der Bewertungs- und der Gestaltungs-Ebene.


Die fünf zu bearbeitenden Komponente sind:

  1. Medienkunde - vermittelt Kenntnisse über Produktion, Merkmale und Inhalte, Nutzung von Pornografie.

  2. Kritikfähigkeit - vermittelt die nötigen Fähigkeiten für die Erkennung und Prävention von Negativwirkungen von Pornografie.

  3. Genussfähigkeit - vermittelt die nötigen Fähigkeiten für die Erkennung und Ausschöpfung von Positivwirkungen von Pornografie.

  4. Fähigkeit zur Meta-Kommunikation - vermittelt die nötigen Fähigkeiten für einen konstruktiven sozialen Austausch über Pornografie.

  5. Fähigkeit zur Selbstreflexion - vermittelt die nötigen Fähigkeiten zur Reflexion des eigenen Standpunkts zur Pornografie.


Die sexualpädagogische Bildungslandschaft in der Schweiz ist sehr unterschiedlich und stark davon abhängig, welchen Stellenwert die Lehrperson diesem Thema beimisst. Vielen Jugendlichen werden jedoch heutzutage auf die eine oder andere Art Pornografie-Kompetenzen mit auf den Weg gegeben.


Bei Erwachsenen sieht es hingegen anders aus. Auch wenn rund 90% der Männer und 60% Frauen angeben regelmässig Pornos zu konsumieren. Diese Zahlen variieren natürlich stark, je nach Studie, aber das ist hier nicht der Punkt. Vielmehr steht ausser Frage, dass eine beträchtliche Anzahl Personen pornografische Inhalte konsumieren. Das ist weder gut noch schlecht. Das ist einfach so. Was in meinen Augen jedoch schlecht oder zumindest schade ist, ist der fehlende offene Diskurs darüber.


Dieser fehlende Diskurs führt nämlich zu etlichen Fehlannahmen und hat teils schwerwiegende Konsequenzen sowohl für Konsument*innen wie auch für Personen, welche an der Produktion beteiligt sind. In meiner Wahrnehmung fehlt es nämlich vielen Konsument*innen vor allem an Kompetenzen in Komponente 1, der klassischen Medienkunde.


Durch die heute weit verbreitete Nutzung von kostenlosen Streamingplattformen, werden Clips aus teils aufwändigen Produktionen herausgeschnitten und hochgeladen. Dies führt einerseits dazu, dass weder die Darstellenden, noch sonstige an der Produktion beteiligte Personen an den Werbeeinnahmen der Streaming-Plattformen beteiligt werden. Zudem führt es auch zu einer gewissen Entmenschlichung der Darstellenden, da weder der Name noch sonst etwas genannt wird.


Pornografie ist ein Medieninhalt wie alle andere auch. Sie spielt mit Fantasien und zeigt uns eine Welt, die so nicht existiert, sondern für unsere Unterhaltung inszeniert ist. Bei Actionfilmen oder Science-Fiction-Streifen ist uns das klar. Bei Pornos, vor allem wenn im Titel “amateur” und eine verwackelte Kamera und schlechtes Licht zu sehen sind, hört dieses Verständnis bei vielen leider auf. Viele glauben, dann dass das “echter” Sex ist und dies schreibt sich unweigerlich in unsere sexuellen Skripts, also die Art und Weise wie wir Sexualität leben, ein.


Glücklicherweise schauen sich die wenigsten Jugenlichen und Erwachsenen ihren Fahrstil nicht bei James Bond oder anderen inszenierten Actionfiguren ab. Glücklicherweise haben wir dazu auch noch viele andere Beispiele im echten Leben. Beim Sex sieht es anders aus. Für viele ist der Sex im Porno der einzige “wahre” Sex den sie zu Gesicht bekommen.


Wir tun also gut daran, uns offener und ehrlicher über dieses Thema auszutauschen und unsere eigene Porno-Kompetenz zu fördern. Dass pornografische Inhalte nicht für Jugendliche unter 16 Jahren sind, möchte ich an dieser Stelle noch einmal explizit betonen. Ich halte es jedoch für den richtigen Weg, ihnen Kompetenzen an die Hand zu geben, um solche Inhalte einordnen zu können. Falls diese Kompetenzen in jungen Jahren nicht erlernt wurden, sollte das unbedingt nachgeholt werden.


Abschliessen möchte ich mit einem Zitat der wohl bekanntesten deutschen Pornografie-Forscherin Madita Oening. Sie beendet ihre Beiträge oft selbst damit: “Pay for your Porn!” Bezahlt für die Inhalte, die ihr konsumiert und schaut auf die Produktionsbedingungen, unter denen diese produziert wurden. Konsumiert bewusst und eignet euch die nötigen Kompetenzen an, einen selbstreflexiven, kritischen Blick auf dieses Thema zu entwickeln.


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