Shake it! Warum es sich lohnt, sich (auch) beim (Solo-)Sex zu bewegen.

Publiziert im Amorana-Magazin im Juni '22


Viele Menschen haben gelernt, ihre Lust mittels Körperspannung zu steigern und so zum Orgasmus zu gelangen. Insbesondere bei der Selbstbefriedigung erlernte und - seien wir ehrlich - unzählige Male repetierte Erregungsmuster sind tief in uns verankert. Das ist nichts schlechtes. Zu wissen, wie wir uns selber Lust bereiten können, ist erstmal eine positive Sache. Leider birgt Körperspannung vor allem im Beckenbereich punkto Sex auch einige Risiken und es lohnt sich, alternative Erregungsmuster zu erproben und zu üben bevor ernstzunehmende Probleme auftreten. In diesem Text erkläre ich dir, wieso das wichtig ist und welche einfache Lösungen es gibt.

Beweg dich, Baby! Egal welche Genitalien du besitzt, egal was für eine Geschlechtsidentität du hast. Beweg dich, ob beim Sex mit einer, mit mehreren Partner*innen, oder mit dir alleine beim sogenannten Solo-Sex. Bewegung ist die Antwort auf die Frage, die du dir vielleicht noch gar nie gestellt hast.

Nervenkitzel in zwei Bahnen

Unser sogenanntes vegetatives Nervensystem steuert sämtliche biologischen Grundfunktionen. Es regelt die Abläufe im Körper, die man nicht mit dem Willen steuern kann. Es ist ständig aktiv und reguliert beispielsweise die Atmung, den Herzschlag und den Stoffwechsel. Egal ob du es willst oder nicht, dein Herz schlägt rund um die Uhr. Nie Nervenbahnen des vegetativen Nervensystems sind in zwei Hauptstränge unterteilt: den Sympathikus und den Parasympathikus.

Ist der Sympathikus aktiv, geht es eher unsympathisch zu und her. Dann befindet sich dein Körper nämlich im Gefahren-Modus. Der Organismus hat grundsätzlich drei Optionen, um mit Gefahren umzugehen: Fight, flight or freeze. Also Kämpfen, flüchten oder erstarren. Alle Optionen gehen mit einer erhöhten Körperspannung einher. Die Gedanken in diesem Modus sind eher unschön und dein Gegenüber tendenziell dein*e Feind*in. Wut macht Mut und das ist das, was du normalerweise in einer bedrohlichen Situation brauchst.

Der Parasympahtikus bildet den Gegenspieler zum Sympathikus. Ist dieser Teil des vegetativen Nervensystems aktiv, sind wir entspannt und im Wellness-Modus. Unsere Gedanken sind eher positiv und unbeschwert. Im Wellness-Modus sind wir kreativ und können uns unserem Gegenüber anvertrauen. Schliesslich geht von der Person keine Gefahr aus.

Spannung bringt’s

Es liegt auf der Hand, dass bei erfüllendem Sex eigentich eher der Parasympathikus am Start sein sollte und der Sympathikus nichts zu melden hat. Denn weder kämpfen (ausser ihr steht drauf!), noch fliehen oder erstarren gehören zum Mittel der Wahl für erfüllenden Sex.

Nun ist es “leider” so, dass sexuelle Erregung ein gewisses Mass an Muskelspannung braucht. Sie bedingen sich gegenseitig. Auch das geschieht mehrheitlich ohne dein Zutun. Anspannung fördert beispielsweise die Durchblutung und das wiederum steigert die Erregung. Wenn du dich also komplett entspannst, wird sich deine Erregung sehr wahrscheinlich nicht steigern sondern eher wieder abflachen.

Laut dem Psychoanalytiker, Arzt und Begründer der westlichen Körpertherapie Wilhelm Reich läuft Erregung in den meisten Fällen in drei Phasen ab: 1. der Erregungsaufbau, 2. die Entladung, 3. die Entspannung. Das gilt nicht nur für sexuelle Erregung. Auch Ärger, Wut, Freude läuft meistens in diesen Phasen ab. Wie wir unseren sexuellen Erregungsaufbau gestalten, ist in den meisten Fällen relativ eintönig. Wir wissen was funktioniert und wiederholen dieses Schema dann etliche Male. Vor allem beim Solo-Sex variieren wir leider viel zu selten. Oft geht es um eine schnelle Entladung. Die bekommen wir mit unserem perfekt eingeübten Modus in kürzester Zeit hin. Und ja, auch Menschen mit Klitoris nehmen sich laut der Sexualtherapeutin Julia Henchen oftmals weniger als 2 Minuten Zeit für Solosex. Wirklich erfüllend ist dann leider weder die zweite noch die dritte Phase der Übung.


Das Problematische an der Spannung

Ein Problem kann dabei die hohe Muskelspannung während des Erregungsaufbaus sein. Die hohe Muskelspannung kann unterschiedliche negative Auswirkungen haben. Es kann sein, dass du zu schnell kommst, oder zu langsam, resp. gar nicht. Es kann zu Errektionsstörungen und unterschiedlichen Problemen beim partnerschaftlichen Sex führen. Denn wie weiter oben beschrieben befindet sich unser Körper bei erhöhter Anspannung im Gefahren-Modus. Dein*e Partner*in kann dadurch beim Sex abstossend auf dich wirken und du weisst gar nicht woran das liegt. Negative Gefühle können einem so richtig die Nummer vermiesen und dir den Tag versauen. Wir lernen: Hohe Muskelspannung erlaubt weniger Genuss. Und wer beim Sex ständig under Anspannung steht, neigt eher zu harten, gewaltvollen Fantasien.


Sexuelle Fantasien mit gewaltvollen Inhalten können verstörend sein, weil du das eigentlich ablehnst und das ja gar nicht “in real” willst. Dies kann eine Folge des angeregten Sympathikus durch die hohe Muskelspannung sein, welcher sich wie bereits erwähnt eher mit Gefahr und Bedrohung assoziiert ist als mit Lust und Liebe. Spannend oder?

Negative Gefühle nach dem Solo-Sex sind ein weitverbreitetes Phänomen. Dies kann ebenfalls auf eine hohe Körperanspannung zurückgeführt werden. Du versetzt dein Körper damit in einen Stresszustand und verbindest diesen Stresszustand mit Sexualität als ganzes, oder einen bestimmten Teil davon wie deinen Solo-Sex. Wenn du merkst, dass du dich als Person abwertest oder dich schlecht wegen deinen sexulellen Aktivitäten fühlst, solltest du etwas dagegen unternehmen weil dies langfristig dein Selbstwertgefühl beeinflusst.

Bring Bewegung in die Sache!

Doch was können wir tun, um sowohl unsere Erregung aufrecht zu halten resp. zu steigern ohne uns von dem Sympathikus allzu fest in seinen Fight-or-flight-Modus drängen zu lassen? Die Antwort lautet: Bewegung! Egal welches Körperteil wir bewegen. In Bewegung sind stets abwechslungsweise Muskeln angespannt und entspannt. Bewegen wir uns beim Sex und zwar auch beim Solo-Sex, findet die notwendige Durchblutung für die Erregungssteigerung statt und wir aktivieren sowohl den Sympathikus wie auch den Parasympathikus. So kannst du dich erregen und gleichzeitig für genug Durchblutung und Entspannung sorgen, so dass du insgesamt ein angenehmeres Körpergefühl verspürst und den Sex als angenehmer, positiver und befriedigender erlebst.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Beckenboden, sowohl bei Menschen mit Penis, wie auch mit Vagina. Denn sowohl die Klitoris wie auch die Peniswurzel sind mit dem Beckenboden verbunden. Das Beckenkreisen sieht also nicht nur beim Salsatanzen super aus, sondern bewährt sich auch beim (Solo-)Sex. Für viele mag das erst einmal ungewohnt sein. Hier mal etwas Neues auszuprobieren lohnt sich aber definitiv!

Eine Schlussbemerkung: Es geht nicht darum, irgendwelche gymnastische Kunststücke zu performen. Allgemein geht es hier nicht darum, irgendjemensch zu beeindrucken, sondern einzig und alleine darum, dein sexuelles Wohlbefinden zu steigern! Probier es aus. Zu verlieren hast du dabei ja nichts…


Wenn du mehr zu dem Thema Lesen möchtest, empfehle ich die beiden folgenden Bücher:


“Comming Soon”, Dania Schiftan (für Menschen mit Vulva)

“Make Love. Das Männerbuch”, Marc Rackelmann (für Menschen mit Penis)


0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen